|
Einige Überlegungen
zum Thema ‚Kampf der Meinungen’
Dr.
Robert Schmittmann (Juni 2011)
Über
‚Meinungen’ wird in den Medien immer viel geredet, es wird im
demokratischen Kontext über den dringend notwendigen ‚Meinungsaustausch’
gesprochen und häufig auf das Recht auf ‚Meinungsäußerung’ gepocht.
Übersehen wird dabei, dass das mit der ‚Meinung’ - psychologisch
betrachtet - eine ganz schwierige Sache ist und deshalb viel Schindluder
damit getrieben werden kann. Einige sortierende Gedanken sind dringend
notwendig.
1. Informiert-Sein ist etwas anderes als eine Meinung haben
Der Begriff ‚Meinung’ ist auf der Ebene der Kommunikation relevant und wir
fragen uns, wann redet man häufig von Meinung und wann täte man es besser
nicht. - Es sieht so aus, als wäre es manchmal wichtiger, eine ‚Meinung’
zu haben, als gut informiert oder nachdenklich zu sein und auf dem
‚Marktplatz’ der Kommunikation spielt ‚Meinung’ offenbar ziemlich
unreflektiert eine ganz große Rolle, die man als psychologisch denkender
Mensch nicht so leicht nachvollziehen kann.
Wenn wir unsere Meinung äußern, ist nicht unerheblich dabei, dass wir uns
für andere zu erkennen geben, zu welcher Gruppierung wir gehören und das
muss offenbar schnell gehen. Geben wir uns zögerlich, zu gängigen
Sachverhalten unsere Meinung zu sagen, und versuchen obendrein zu
differenzierteren Überlegungen auszuholen, wird unser Gegenüber schnell
nervös und fällt uns besserwisserisch ins Wort.
Über Meinungen zu reden, hat auf der Kommunikationsebene offenbar eine
absolut vorrangige Funktion für Gruppenbildungsprozesse und
Parteienbildung (zählt man zu denen oder denen?). Es sieht so aus, als
wenn der Unterschied nicht mehr wahrgenommen würde, dass ‚Informiert Sein’
grundsätzlich etwas anderes ist, als ‚eine Meinung zu haben’ und dass es
kein seltenes gesellschaftliches Phänomen ist,
· dass der Tatbestand des
‚Informiert-Seins’ auf verlorenen Posten gegenüber dem massiven Anspruch
‚eine Meinung-haben-zu-dürfen’ steht.
Solche Kollisionen kommen natürlich auch dadurch zustande, weil es viel
leichter ist, eine Meinung zu haben, als sich zu informieren. Deswegen
liegt es für viele superschnelle, angeblich moderne Zeitgenossen stark im
Trend, viel darin zu investieren, immer die richtige Meinung zur richtigen
Zeit parat zu haben, statt in etwas mühsamere Prozesse des
Sich-Informierens und Sich-Kundig-Machens einzutreten. Und weil das mit
der Meinung auch noch viel einfacher und schneller geht, kann man nicht
nur den zeitlichen Vorsprung konkurrenzmäßig anderen gegenüber ausnutzen,
sondern das mit der Meinung scheint sich auch noch in manche rationierten
und beschleunigten Arbeitsprozesse reibungsloser einzupassen.
2. Um was geht es, wenn es nicht um das ‚Wahr – Unwahr’ geht?
Treffen jetzt ein Vertreter des ‚Informiert-Seins’ und ein Vertreter des
‚Meinung-haben-dürfens’ zusammen, lässt normalerweise derjenige mit der
Meinung dem Informierten den Vortritt und hört ihm zu, weil der mehr zu
sagen hat. So sollte es eigentlich sein.
Normal sollte auch sein, dass man sich auf bestimmte
Realitätswahrnehmungen von grundlegenden Sachverhalten einigen kann. Sich
gemeinsam ein Bild von einer Sachlage zu machen – ich sehe das gleiche,
was du siehst - , ist etwas sehr Wichtiges in sozialen Gefügen. Übrigens
war das auch zunächst wesentlicher Bestandteil der Schlichtung bei
Stuttgart 21: Eine gemeinsame übereinstimmende Sicht auf gravierende
Mängel des Projekts führte zwischendurch sogar zu der Äußerung des
Schlichters H. Geißler: „Wenn das so ist, dann darf man den Bahnhof nicht
bauen“ und den Kritikern (Boris Palmer) wurde daraufhin sogar ein Job bei
der Bahn angeboten. - Da war man auf dem Boden der gemeinsamen
Realitätswahrnehmung, es konnte kurzfristig friedlich und es hätte
konstruktiv weiter gehen können, wenn das nicht mit der ‚Meinung’ gewesen
wäre.
Bei dem Mühen und Ringen um eine möglichst unverfälschte Wahrnehmung der
Realität befindet man sich seit 2500 Jahren im Bereich der Wissenschaft,
die den Code ‚wahr - unwahr’ verwendet. Dieser Code ist seit einiger Zeit
in großer Gefahr; Geld und Wirtschaftsinteressen versuchen ihn zu
degradieren (s. Guttenberg- Affäre).
Die Zeiten für eine Demontage scheinen gefährlich günstig: Je
unübersichtlicher und undurchschaubarer eine Informationslage nämlich ist
oder gestaltet wird, um so eher kann die Kommunikation vom überprüfbaren
Code ‚wahr - unwahr’ weggeführt werden. Es geht dann eher in Gesprächen um
den meinungsbildenden und gruppendynamisch wirksamen Code: ‚Ist man der
einen oder anderen Meinung’ und wenige merken noch, dass es eigentlich
darum gehen müsste, sich eine bessere Informationsbasis zu verschaffen.
3. Wenn das ‚Informiert-Sein’ , wenn Arbeit nichts mehr wert ist
Es gibt gravierende Auswirkungen, wenn die Zustimmung und Annahme einer
Realitätswahrnehmung (Ich sehe, was du siehst) verweigert wird und das
passiert, wenn eine Seite weiter darauf beharrt, weiterhin anderer Meinung
zu sein, ohne auf die angebotene sachliche Informationsebene eingegangen
zu sein. Sie riskiert den Abbruch der Kommunikation.
Das kommt nämlich einem Abwerten gleich und lässt dem Gegenüber nur die
Möglichkeit, vehement aus dem System auszusteigen oder depressiv zu
werden oder auszuflippen. Diese Art Kommunikation des Ignorierens und
Über-etwas-Hinweggehens wird nicht selten (in Firmen) bewusst praktiziert
und hat zerstörerische Wirkungen für Sozialsysteme. Eine loyale
Kommunikationsgemeinschaft funktioniert nur, wenn das, was vom anderen als
wichtig reingegeben wird, hier immer als ein vollgültiger Beitrag
bestätigt und gewürdigt wird. (Die Entwertung der Arbeit anderer birgt
immer sozialen Sprengstoff.
4. Das Spiel der Meinungen in großen organisatorischen Kontexten
Die zunehmende Undurchschaubarkeit und Unübersichtlichkeit der Welt, das
unaufhaltsame Aufblähen großer Organisationen und Konzerne begünstigen
solche Prozesse der Entwertung und der Demontage des Codes ‚Wahr –
Unwahr’. Sie sind deshalb für den einzelnen Menschen und für unsere ganze
Welt ein riesiges Problem:
· Den meisten darin arbeitenden
Menschen fehlt der Zugang zur jeweiligen Informationsbasis und der
Überblick auf relevante Realitäten in vielerlei Hinsichten.
· Und was noch schlimmer ist, sie
sind verführt dazu und gewöhnen sich daran, ihr Handeln mit dem Habitus
großer Überzeugtheit auf eine ganz schwache Informationsbasis zu stellen.
Dem größten Teil der in den oberen Rängen arbeitenden Angestellten in
Konzernen bleibt nicht anderes übrig, als auf dieser sehr schmalen und
wackeligen Ebene der Meinungen zu agieren. Diese Unsicherheit darf aber
nicht auffallen und jeder dort Arbeitende weiß, dass er dies mit einer
bewusst zur Schau gestellten Sicherheit kaschieren muss.
Das Spiel der Meinungen kann hier ohne jeden Bezug zu relevanten
Realitäten für die Kämpfe um die besten Plätze in der Hierarchie der
Konzerne benutzt werden.
Es geht dann um heroische Entscheidungen, die nicht laufend neu
reflektiert und korrigiert werden sollen, sonst kann nicht gemeinsam
‚marschiert’ werden. Darauf bauen Organisationen auf. Hierarchien bedingen
dann zudem, dass nicht alle optimal über alles informiert sein können und
auch nicht sollen. Je größer Organisationen sind, um so geringer ist die
spezielle oder überblickshafte Kenntnis über Sachen und Personen. -
Dennoch werden jedoch Äußerungen zu vielen Sachverhalten von den
Beteiligten verlangt und das können nur passend gestaltete Meinungen sein.
5. Das Hauptthema: Wer liegt im Kampf der Meinungen vorne
Von Meinung reden wir also in organisationsbedingten
Entscheidungskontexten meist dann, wenn das bewertende Kommentieren auf
einer schwachen Informationsbasis erforderlich ist und die Kommunikation
mit einem speziellen Code ‚stimme zu - stimme nicht zu’ darauf aus ist,
herauszufinden, wie viele sich dem einen oder anderen Statement
anschließen, damit es in großen Gruppen weitergehen kann. Das findet
explizit in der Meinungsforschung und bei Wahlen seinen Niederschlag, weil
hier etwas abfragbar und statistisch erfassbar sein muss.
An der gezielten Beeinflussung von Meinungen zu ihrem Gunsten sind
verschiedene Gruppierungen in unserer Gesellschaft interessiert, und
gerade dann, wenn die sichtbare Faktenlage gegen etwas spricht. Der ‚Kampf
der Meinungen’ in Talkshows bietet sich dann zur Verschleierung der
Informationslage und Verwirrung der ‚Gegner’ an. Deswegen werden hier auch
wenig Sachverständige eingeladen und gehört. Warum? – Weil man ansonsten
nicht so lange reden könnte.
‚Meinungsmacher’ können über die Herstellung von sogenannten
‚Meinungsbildern’ in den Medien gruppendynamisch noch einen Mechanismus
nutzen: Weil der normale Alltagsmensch mangels direkten Zugangs zu
Informationen nur auf sehr vage Einschätzungen häufig angewiesen ist,
neigt er dazu, seine Unsicherheit durch die Orientierung in seiner
sozialen Umgebung wettzumachen und schließt sich auf der Ebene der nicht
zu komplizierten Meinungen liebend gerne einer Mehrheit oder
Glanzprospekten an. - Das mediale Herbei-Reden von Trends hat hier bei
anvisierten großflächigen ‚Meinungsverschiebungen’ einen hohen Stellenwert
und funktioniert natürlich ohne fundierte Informationsbasis reibungsloser.
Die Presseabteilung der Bahn leistet in letzter Zeit beste Medienarbeit.
6. Auf die Abläufe um das Großprojekt S 21 bezogen
Von der Bewegung gegen S 21 wurde über Jahre hinweg mit viel Einsatz
versucht, auf der Ebene der Realitätswahrnehmung möglichst viele
Informationen zu gewinnen, um der Allgemeinheit und der Stadt letztlich
viel Schaden zu ersparen. Das sollte immer ein wichtiger Beitrag für das
Gemeinwohl sein.
In der Schlichtung wurde von der Bewegung mit großem Aufwand eine
möglichst große Informationsbasis geschaffen. Sie stellte damit eine von
verschiedenen Fachleuten erarbeitete Faktenebene zur Verfügung, auf der
eindeutig geurteilt werden konnte. Danach konnte man deutlich zu dem
Schluss – nicht der Meinung
- kommen, dass das Großprojekt viel zu viel Schaden und Risiken in
verschiedenen Richtungen erzeugt. - Aber was passierte danach? -
7. Es kann und darf nicht auf der Meinungsebene lapidar weitergehen
Die durch den Fakten-Check mühsam erarbeitete Informationsbasis wurde
schlichtweg ignoriert und man kommunizierte weiter auf der
Meinungsebene, nach dem Motto: Jeder kann ja seine Meinung haben. - Hier
eben nicht !! -
· Das Schlimme an dem
Schlichterspruch war, dass er an der für jedermann offensichtlichen
Faktenlage vorbei die Kommunikation über Meinungen wieder einläutete und
den Medien das Beackern des weiten lukrativen Feldes des
‚Meinungsaustausches’ für ihre Talkshows erhalten hat.
Den Klagen der Befürworter, man dürfe zu Stuttgart 21 seine Meinung nicht
mehr sagen, kann man nur beipflichten. - Die Situation ist nämlich in
einem Sinne schon sehr außergewöhnlich: Jeder konnte sich nämlich bei dem
öffentlich gesendeten Fakten-Check sachkundig machen. Jede Begegnung
zwischen einem meinungsbeharrenden Befürworter und einem gut informierten
Projektgegner muss deshalb zur Farce werden, weil die Kommunikation mit
einer solch grundlegenden Ignoranz der Informationslage nicht weiter gehen
kann.
· Der ansonsten lapidare ‚Kampf der
Meinungen’ funktioniert hier wegen der Informiertheit der Bürger nicht
mehr.
Die Presseabteilungen der Konzerne haben erst nach und nach kapiert, dass
sie hier enorm aufrüsten müssen, weil sie nicht so ein leichtes Spiel
haben wie bei Projekten auf der freien Wiese.
8. Organisationsmensch trifft auf Normal-Mensch
In Stuttgart ist nämlich über die lange Zeit der Bewegung eine
außergewöhnliche Situation entstanden: Hier prallt die Mentalität der
Konzern-Menschen mit völligem Unverständnis auf die Mentalität der noch
selbständig denkenden und rundum informierten normalen Menschen, der auch
Zweifel zulassen kann.
Gut funktionierende Organisations-(Konzern)-Menschen können keine Bedenken
und Zweifel zulassen, weil man dann nicht mehr in einem Konzern
zielgerichtet und karriereorientiert arbeiten kann. Man zieht etwas
informationsgereinigt mit Scheuklappen bis zum bitteren Ende durch, die
jeweiligen Schäden tragen andere, meist auch die Allgemeinheit, während
man selber schon wieder weiter gezogen ist. Damit stellen nicht nur
Konzerne an sich, sondern auch Züchtungen von Konzern-Menschen eine Gefahr
für die Menschheit dar (erhellende Beispiele gibt es zur Zeit genug).
Wichtig zu erkennen ist jetzt, dass die Projektleitung von S 21 nicht nur
einfach die verunsichernde und unangenehme Informationsbasis ignoriert,
sondern gezielt versucht, alle Diskussionen weiter auf der Ebene der
Meinung zu halten und hier die Kommunikationskanäle für notwendige
Informationen zu verstopfen. Das ist auch das Terrain der
Etikettenschwindler und Verkaufstrategen. Das ist aber eine andere
Geschichte (s. gleichnamigen Aufsatz).
Dr.
Robert Schmittmann
Rotenbergstr. 170
70190 Stuttgart
0711- 2865913
www.schmittmann-coaching.de
Mail:
robertschmittmann@gmx.info
|